Dann legte sie auf und lächelte uns an. „Mädels, ihr habt doch bestimmt Hunger, nicht wahr?“
Ich guckte diese Irre an und wusste nicht wie ich reagieren sollte. Hier lag ein totes und wirklich übel zugerichtetes Mädchen vor unseren Füßen und sie fragt uns allen Ernstes ob wir Hunger hatten? Wie krank können Menschen eigentlich sein? Gab es verschiedene Abstufungen der Dummheit? Etwas dumm, halb dumm, extrem Dumm, Esme! Wunderbar!
„Nein Danke, mir ist gerade der Hunger vergangen!“
„Gut. Dann führe ich euch erst hier herum und später bekommt ihr dann etwas zu essen! Schließlich seid ihr schon den ganzen Tag auf den Beinen und habt noch keinen Bissen zu euch genommen, wir wollen doch nicht das ihr vom Fleisch fallt.“
Ich räusperte mich und zeigte mit meinem Kopf Richtung der Toten. Lady Psycho erwartete doch jetzt nicht wirklich, dass wir weiter mit ihr hier draußen rumrennen, während hier Menschen getötet wurden? Wir könnten die nächsten sein, die es erwischt!
„Mach dir mal darüber keinen Kopf Kindchen! Es ist ein Betriebsunfall und wir werden uns schon darum kümmern. Normalerweise kommt das nicht vor, aber wo gehobelt wird da fallen halt auch Späne!“
Sollte mich DAS jetzt beruhigen? Alice neben mir hatte ebenfalls einen unglaubwürdigen Blick aufgesetzt. In ihren Augen lass ich genau das gleiche, was ich im Kopf hatte. Nämlich das ihre Ignoranz keine Grenzen kannte und es ein Fass ohne Boden war!
Esme schien unser Zögern zu bemerken und kam mit einem verständnisvollen Blick auf uns zu. Kurz vor uns blieb sie stehen, betrachtete erst mich, dann Alice. Dann hob sie ihre Hand und fuhr Alice über den Kopf, danach kam ich in diesen fragwürdigen Genuss der Zuwendung. Sie seufzte kurz auf, aber ihr Lächeln kehrte sehr schnell, zu schnell wieder zurück auf ihre Lippen.
„Ihr Süßen. Ich glaube ich muss euch da was erklären!“
Oh, erklären? Jetzt kamen wir der Sache schon näher. Ich spitzte die Ohren und versuchte meine innere Anspannung nicht allzu sehr zu zeigen. Aber um ehrlich zu sein, jede einzelne meiner Nervenfaser war zum Zerreißen gespannt.
„Wie ihr schon bemerkt habt, sind wir keine Menschen. Wir sind Vampire und nähren uns von menschlichem Blut. Damit nicht wahllos unschuldige Menschen getötet werden, bieten wir den Kunden in unserem Etablissement Menschenblut an. Und da Vampire von Natur aus Jäger sind, gibt es hier draußen diesen schönen Parcours, in dem wir unsere Triebe ausleben und unsere Beute jagen können. Es ist eine Art besonderer Kick, wenn man einem Menschen verfolgt und ihn dann fängt. Das ganze Adrenalin in den Adern, ein wahrer Gaumenschmaus. Natürlich ist es nicht vorgesehen, dass unsere Kinder leergetrunken werden, so wie die arme Amanda. Wir werden uns diesem Fall annehmen und dem Vampir ein Lokalverbot erteilen, denn wir wollen ja, dass ihr hier gerne mit uns zusammen arbeitet.“
Ok, jetzt war sie komplett durchgedreht! Sie waren Vampire und boten hier Menschenblut an. Wobei, nach alledem, was ich hier gesehen und erlebt hatte, passte das eigentlich perfekt. Zu perfekt. Aber es gab doch keine Vampire? Diese Menschen mussten sich einbilden Vampire zu sein!
„Vampire?“ flüsterte Alice kaum hörbar.
„Ja meine Liebe!“
Emse teilte ihre Lippen und zwei große, lange Fangzähne kamen zum Vorschein. Die waren doch nur angeklebt, oder? Ich merkte wie meine Beine schwer wurden, dieser Tag war einfach zu lang gewesen und es war einfach zu viel passiert, als dass man dies alles verarbeiten konnte. Mein Kreislauf meldete sich ebenfalls bei mir, denn es drehte sich auf einmal alles. Das Labyrinth umkreiste mich und die Geräusche hörten sich an, als ob sie gefiltert wurden und nur sporadisch zu mir durchdrangen. Dann wurde alles dunkel!
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„Bella? Bella, bitte wach doch endlich auf!“
Mein Kopf dröhnte und meine Augen schmerzten, als ich sie öffnete und das helle Licht ungefiltert hineinschien. Ich war müde und ich hatte Muskelkater und Schmerzen an meinem Arm. Ich lag auf einem weichen Bett, welches ich nicht kannte. Wo zur Hölle war ich?
„Bella, da bist du ja wieder!“
Ich drehte mich in die Richtung aus der die Stimme kam und sah Alice am Ende des Bettes sitzen. Alice! Die Erinnerung holte mich ein und ich wusste wieder wo ich war. Naja, so halbwegs, denn dieses Zimmer kannte ich nicht. Ich öffnete meinen Mund und wollte etwas sagen, aber mein Hals war rau und es kam nur ein Gekrächzte raus.
„Hier, trink was“, sagte Alice und hielt mir ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit hin. Bitte lass es Wodka pur sein! Ich nahm das Glas und trank es wie eine Verdurstende, die seit Wochen nichts mehr zu sich genommen hatte, in einem Zug leer. Es war Wasser, schade. Alkohol wäre mir jetzt lieber gewesen.
„Wo bin ich?“
„Erinnerst du dich nicht?“
„Doch, nur dieses Zimmer….. welches Zimmer ist das?“
„Na deins!“
Meins? Mit großen Augen sah ich Alice an, dann blickte ich mich in meinem Zimmer um. Es war ähnlich geschnitten wie das von Alice und auch genau so hell, allerdings standen die Möbel etwas anders. Das recht große Bett stand zentral in der Mitte, ein Kleiderschrank an der einen Seite, eine Kommode und Schreibtisch an der anderen. Es sah aus wie ein normales Jugendzimmer. Nur ohne Computer, Fernseher oder sonstigen technischen Schnickschnack.
Es war fast richtig gemütlich!
„Wohin geht diese Tür?“
Die Zimmertür gegenüber vom Bett hatte ich sofort erkannt, aber die kleinere, weiße Tür neben dem Kleiderschrank sagte mir nix und machte mir Hoffnung auf einen Fluchtweg. Vielleicht führte diese in eine Art Hinterzimmer, Flur oder ähnliches.
„Dort geht’s zum Bad!“
„Oh!“
„Weißt du Bella, wir teilen uns ein Bad. Ist das nicht toll, wir können uns immer gegenseitig besuchen kommen, wir müssen nur durch das Bad…. Oh scheiße, was red ich denn hier?! Wir sitzen hier fest bei barbarischen Vampiren und ich freue mich über ein Gemeinschaftsbad mit dir. Entschuldige bitte!“
„Sie sind wirklich Vampire?“
Alice sah mich vielsagend an und nickte dann mit traurigem Gesichtsausdruck. „Ja, wahrhaftige Vampire“, sagte sie leise. Sie schüttelte sich kurz und sah dann wieder zu mir. „Weißt du, als du…. als du ohnmächtig geworden bist, da hat dich dieser Laurent, der mit dem französischen Akzent hierher getragen. Esme und ich sind euch hinterhergelaufen. In der Zeit hat mir Esme noch mehr erzählt.“
Noch mehr? Was gab es denn noch? Reichte das alles nicht schon aus? Musste noch mehr kommen? Wie viel sollte ich denn noch ertragen? Wie viel mussten wir denn noch bewerkstelligen?
„Esme hat gesagt, dass es hier Gang und Gebe ist, den Vampiren nicht nur unser Blut zu geben, sondern auch unseren Körper. Dies wären zwei Sachen, die einfach zusammengehörten und wir dürften nichts auseinander reißen, was die Welt zusammengebracht hatte!“
Ja, dass klang definitiv nach Esme.
Also doch ein Bordell, ich wusste es. Ich musste hier die Beine breit machen für diese schmierigen Blutsauger. Und nicht nur das sie mich vergewaltigen würden, nein, sie würden so ganz nebenbei auch mein Blut trinken! Ein Gefühl der absoluten Leere machte sich in mir breit und es fühlte sich alles so sinnlos an. Dazu konnten sie mich nicht zwingen, eher würde ich sterben!
„Aber“, unterbrach Alice mich in meinen Gedanken. „Sie sagte auch, dass wir beide erstmal nur in der Bar kellnern müssten und hin und wieder unser Blut anbieten werden. Da wir beide, naja, wir beide sind noch unberührt, Jungfrauen, also würden wir erstmal keinen Sex haben müssen. Sie meinte, dass wir beide diese ganz besondere Erfahrung nicht zu schnell überstürzen sollten, denn den Moment werden wir ja im Leben nie vergessen wollen.“
Komischerweise beruhigte mich dies nicht im Geringsten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das bittere Ende noch kommen würde. Nur wann und in welcher Form, dass konnte ich noch nicht sagen. Aber bis es soweit war, musste ich einen Ausweg hier raus finden. Und zwar ganz schnell!
„Bella, ich habe Angst. Ich meine, sie werden unser Blut trinken und du hast gesehen was mit dieser Amanda passiert ist. Wer garantiert uns, dass morgen nicht du oder ich da draußen ausgesaugt und weggeschmissen werden? Esme erzählt vom schönen Leben und dass sie auf uns achten und den ganzen Stuss, aber letztendlich wollen die nur unser Blut. Und wenn wir nicht mehr sind, wird das nächste Mädchen gekidnappt.“
Alice hatte Recht, wir waren hier nicht sicher und nur wir selber konnten auf uns achten. Wir mussten es schaffen zu überleben, aber das würde nur gehen, wenn wir zusammenhielten und uns eine Strategie überlegten.
Ich wollte gerade etwas erwidern, als ich das Türschloss hörte und die Tür aufgeschwungen wurde. Esme stand im Rahmen und strahlte mich an. „Da bist du ja wieder“, kam es freudig über ihre Lippen. Sie trat ein und verschloss sorgfältig die Türe hinter ihr. „Du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt! Isabella, tu das nie wieder!“
Ich guckte sie nur perplex an und nickte.
„Alice, schön das du auch hier bist. Ich finde es toll, wie ihr euch gegenseitig helft und euch so unterstützt. So wie es sich für eine Familie gehört! Da geht mir richtig mein Herz auf.“
„Ja, ich hatte mir Sorgen gemacht, da bin ich hier rüber gekommen, um Bella zu helfen, wenn sie wieder zu sich kommt.“
Oh, Alice war auf eigene Faust hergekommen? Ein Glück das Esme nicht sauer war deswegen, dass hätte auch anders ausgehen können!
„So meine Kleinen Schätze, jetzt werden wir nochmal eure Verzierungen säubern, denn wir wollen ja nicht, dass sich euer Arm entzündet. Und danach werdet ihr endlich etwas zu essen bekommen, ihr müsst ja schon regelrecht verhungert sein. Gott, ich fühle mich so elend, aber wir Vampire essen nicht, daher vergesse ich das hin und wieder. Ich hoffe ihr verzeiht mir das und seid mir nicht böse!“
Damit griff sie sich meinen Arm und öffnete den Verband. Zuerst wollte ich nicht hinsehen, aber die Neugierde gewann dann doch die Oberhand. Der Arm war immer noch leicht geschwollen und leuchtete im schönsten rot. Sobald die kühle Luft an die Brandwunde kam, stöhnte ich kurz auf. Es tat weh, aber auch so gut!
„Schschsch…. Gleich wird es besser werden. Das verspreche ich dir!“
Erst jetzt bemerkte ich die kleine Tasche die sie dabei hatte. Sie wühlte kurz darin und holte dann einen Tuch und Desinfektionsspray raus, wofür ich schon fast dankbar war. Nicht nur das sie mich brandmarken, sie kümmerten sich wenigstens auch um die Wunde. Als sie mit dem nassen Tuch dann über die Wunde fuhr, zog ich scharf die Luft ein, das brannte wie Feuer. Ich musste mich zusammennehmen um nicht laut loszuschreien.
Als sie fertig war und das Tuch weglegte, ließ der Schmerz etwas nach, aber er zog sich immer noch durch den ganzen Arm. Scheiße, wie sollte ich das überleben, bis die Wunde irgendwann komplett verheilt war. Das war doch echt unmenschlich.
Doch kaum hatte ich mich versehen, da senkte Esme ihren Kopf und strich mit der Zunge über meine geschundene Haut. Sie leckte die Narbe von vorne bis hinten ab. Die Galle, die mir dabei zuerst im Magen rebellierte, beruhigte sich doch recht schnell wieder, denn der Schmerz ließ abrupt nach und meine Nerven entspannten sich.
Ich musste doch träumen! Wie konnte das sein?
Als sie fertig war strahlte sie voller Selbststolz und verband meinen Arm wieder aufs Neue. „Nur um sicher zu gehen, dass wirklich nichts drankommt und sich der Arm doch noch entzünden könnte!“ erklärte sie dann, als sie meinen erstaunten Blick sah.
„Äh, nein, ich ….äh…. Was hast du gemacht? Ich meine, der Schmerz ….. er ….. er ist weg!“
„Weißt du meine Süße, Vampirspeichel hat eine heilende Wirkung. Wie sollten wir sonst die Bisswunden wieder verschließen?“
Natürlich, das ich da nicht selber drauf gekommen bin, Hallo, was dachte sie denn bitte? Dieses Erlebnis musste ich erstmal sacken lassen. Das war die erste positive Erfahrung die ich gemacht hatte, seit ich in diesem Vampirbordell angekommen war. Und es war die beste Aktion, die die Psycho Lady hier vollbracht hatte. Ich war sogar kurz davor ihr um den Hals zu fallen, aber ich konnte mich gerade noch zurück halten.
Nachdem sie mit mir fertig war, wiederholte sie diese Prozedur bei Alice, die sich das Ganze auch nur ungläubig ansah. Sie entspannte sich merklich, als auch der Schmerz bei ihr endlich nachließ. Nachdem Alice Arm wieder verbunden war und wir beide eine Sorge weniger hatten, stand Esme vom Bett auf und sah uns mit einem seltsamen Ausdruck in den glasigen Augen an. „Ihr wisst gar nicht wie schön es ist, so für euch sorgen zu können! Ich werde euch nun das Essen bringen lassen! Nach dem Essen werdet ihr dann etwas schlafen, Carlisle wird euch dann morgen einweisen.“
Schon war sie aus der Tür verschwunden und Alice und ich konnten uns nur perplex angucken. Und bevor wir auch nur die Chance hatten, etwas über das gerade erlebte zu sagen, wurde die Türe erneut geöffnet und dieser blonde Jasper stand mit einem Tablett in der Tür. Das Gesicht hatte wieder den Ausdruck eines Raubtiers auf der Jagd, das seine Beute erspäht hatte.
Und seine Beute war erneut Alice.
Diese versteifte sich neben mir auf dem Bett, als sie realisiert hatte, wer da in der Tür stand und wie dieser jemand sie schon wieder ansah! Oh Fuck, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das noch mal böse enden würde mit diesem Kerl. Der war so extrem auf Alice fixiert, dass es nicht mehr gesund sein konnte.
Mit einer unwirklichen Schnelligkeit, die viel zu schnell für meine Augen war, stand er dann neben dem Bett und nahm einen der beiden Teller vom Tablett und stellte ihn auf meinen Nachttisch. Den zweiten behielt er auf dem Tablett.
„Alice, komm, ich bringe dich in dein Zimmer.“
Bitte? Der glaubte doch nicht ernsthaft, dass Alice mit ihm kommen würde? Alice war bei seinen Worten kreidebleich geworden und starrte ihm mit einer Angst in den Augen an, die richtig greifbar war. „Esme hat gesagt, sie soll bei mir bleiben, weil mein Kreislauf eben schwach gemacht hat!“ kam es mir über die Lippen, ohne dass ich wirklich wusste, was ich da sagte.
Ich hatte kaum das letzte Wort gesagt, da stand er auch schon direkt vor mir, nur ein paar Zentimeter trennten uns noch. Er starrte mir mit diesen unheimlich schönen und so beängstigenden blauen Augen an. Ich hielt erschrocken die Luft an, wusste nicht was er vorhatte. Aber man sah ihm an, dass er über Leichen gehen würde um das zu bekommen, was er wollte. Er legte den Kopf schief, ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen.
„Ich glaube mein Bruder wird sich mal um dich kümmern müssen, dann wird DAS nicht mehr passieren!“
Bei seinen Worten lief es mir eiskalt den Rücken runter. Ich kannte seinen Bruder nicht und wollte auch nicht wissen, was mir blühen würde, wenn ich ihn kennen lernen würde. Aber die Hauptsache war, dass er nicht mit Alice in ihr Zimmer verschwinden würde. Wer konnte schon sagen, was er mit ihr vorhatte!
Dann, wieder in einer unmenschlichen Schnelligkeit, stand er bei Alice und hatte ihr ihren Kopf an den kurzen Haaren nach hinten gerissen. Ein Schrei blieb mir im Hals stecken, als er ihr genüsslich über die Hauptschlagader leckte. Und dann, war er auch schon wieder verschwunden und wir waren alleine in meinem Zimmer.






